Bei Aldi in Itzehoe im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein
Februar 26, 2008
Jaja. Letzte Woche habe ich hier bei Aldi einen echten Star getroffen. Hier ist Itzehoe und der Star ist gewissermaßen, wenn sicher auch nicht ausschließlich, ein persönlicher.
Itzehoe ist eine Kleinstadt, die einmal innerhalb einer Schleife des Flusses Stör lag, bis sie die Schleife wegmachte und jetzt einfach so an der Stör liegt. Somit aber endlich der fraglos abkömmlichen Idylle kleiner Kanälchen und malerisch drumherum drapierter Häuser entledigt, legte sie sich eine Fußgängerzone des unschlagbaren Klassikers „Niedersachsenklinker, zweistöckig“ zu und außerdem noch zwei weiße Hochhauswohnungsblöcke, die nun, den Kirchturm um ein Mü überragend, die Skyline des Städtchens markieren. Das alles geschah – ich habe jetzt keine Lust nachzusehen – in den sechziger Jahren.
Bei dem Star handelt es sich um einen Bauern aus dem nahe gelegenen Dorf Wacken, das Metallern schon seit Jahren das irdische Walhalla bedeutet und durch den Film „Full Metal Village“ unlängst auch bei einem breiterem Publikum Berühmtheit erlangt hat. Der Film berichtet von den Menschen die in Wacken leben und ein bisschen auch davon, wie sie mit dem Festival zurechtkommen. Diese Menschen sind natürlich, wie alle Menschen, entweder sympathisch oder abstoßend. Das macht sich der Film zunutze, indem er – wie jeder gute Film – eine Opposition von Gut und Böse ins Spiel bringt, die zwei Bauern inkorporieren dürfen.
Der böse Bauer ist das was man einen „Macher“ nennt, wahlweise in Politikerkreisen auch „Bonze“ oder in Immobilienmaklerkreisen „Hai“ genannt. Er kassiert aberwitzige Summen an EU-Fördergeldern, verdient sich eine goldene Nase am Festival, sieht fies aus, fährt Mercedes bzw. affigerweise Trike, raucht Camel und behandelt seine Frau schlecht, ja, prahlt sogar grinsend vor laufender Kamera damit, dass er eine Geliebte habe.
Der gute Bauer hat einen kleinen, schiefen Hof mit vielen Katzen, sieht unfassbar nett aus, fährt Fahrrad oder einen niedlichen, alten Trecker, raucht Selbstgedrehte, ist nicht sonderlich reich und liebt seine Frau (und sie ihn) wie am Tag ihrer Verlobung.
Beide haben aber auch etwas gemeinsam, sie sind beide irrsinnig cool.
Nun, den guten Bauern, also meinen persönlichen Star, habe ich letzte Woche bei Aldi getroffen, hier in Itzehoe. Ich lüge, wenn ich sage, dass er unschlüssig eine Ecke Parmesankäse in der Hand hielt und auf das Etikett starrte. Ich lüge, wenn ich sage, dass er eine Mütze mit der Aufschrift „Pepsi“ auf dem Kopf trug. Ich lüge aber nicht, wenn ich sage, dass er irgendetwas unschlüssig in der Hand hielt und eine Mütze mit einer Aufschrift auf dem Kopf trug. Ich kann mich nämlich nicht mehr genau erinnern, weil mir nämlich erst beim Einpacken auf dem Parkplatz endlich eingefallen ist, woher mir dieser Mann bekannt vorkam und weil ich daher vorher nicht so genau hingesehen habe, was ich ja ohnehin versuche zu vermeiden, also das Anstarren von Leuten.
Und hier ist er, der gute Bauer, in einer der rührendsten Szenen der Filmgeschichte:
Der Schwarm
Februar 18, 2008
Gespenstische Szenen heute Abend über dem Alexanderplatz: Vom Dach des Plattenbaus neben dem Roten Rathaus ließen sich immer wieder Schwärme von Nebelkrähen herab um kreischend Kreise zu ziehen, schwarzen Wolken gleich, im weiten Bogen zum Neptunbrunnen, zum Skelett des Palasts und zurück. Mit einem Mal schienen sich die Schwärme zu vereinen. In einer ausufernden, majestätischen Woge fluteten hunderte, wenn nicht tausende Krähen auf den Fernsehturm zu und wie eine brandende Welle teilte sich der Schwarm an der steinernen Stelze des Turms, dessen Spitze im milchigem Dunkel des Himmels verschwand. Die Menschen blieben tatsächlich stehen, sahen auf und zeigten gen Himmel. Es war beängstigend.
Ein weiteres Glied in einer Kette von Zeichen, das bedeuten will, dass das Unheil nahe ist. Doch nicht aus dem Meer droht es, wie bestselleresk verbreitet wurde… Woher dann? Das liegt schon seit Jahrzehnten auf der Hand, insofern:
„Sick“ is just another word…
Februar 14, 2008
…for nothing left to do.
Grillo vs. Moore
Februar 12, 2008
Irgendwo, vermutlich beim Perlentaucher, stand neulich, dass in einem Artikel des New Yorker ein Vergleich der beiden massenwirksamen, außerparlamtarischen Spass-Oppositionellen Beppe Grillo und Michael Moore, stattfinden würde. Über die Aussage, dass Grillo der italienische Moore sei, im ersten Absatz des Artikels, ging das dann leider nicht hinaus.
Nichtsdestotrotz hat Tom Mueller ein sehr gutes Portrait Grillos und des derzeitigen antipolitischen Italiens abgeliefert: Beppe’s Inferno.
Darin ein paar rührende Worte über ein rührend-wahnsinniges sardisches Ehepaar, dass durch wuchernde Pachtkosten beinahe auseinandergerissen wurde und bei einer Veranstaltung Grillos plötzlich im Mittelpunkt stand:
Maria Pau, a portly farmer in her sixties, recounted how her husband had slowly grown deranged as their depts mounted. Rather than tell her how dire their situation was, he had demanded a divorce, and had even reported her to the police for attempting to poison him. During her speech, she turned twice to her husband, who had had a stroke and sat in the audience wheelchair. „Don’t cry, Salvatore!“ she told him. Salvatore, his face wet with tears, nodded and tried to smile.
Achso: Pinocchio kommt bald wieder, geht nur gerade zeitlich nicht!
Noblesse d’ivresse
Februar 10, 2008
Ich lief heute von einem Ort zum andern und dabei bemerkte ich einen Mann, der im Begriff war, eine volle Flasche Sangria in eine leere PET-Flasche der Marke Punica umzufüllen. Ich konnte mir nicht erklären, was der Zweck dieser Handlung sein sollte und ging etwas langsamer, um das vielleicht herauszube- kommen. (Das war unten im U-Bahnhof Rosenthaler Straße, dort wo man sich entscheiden muss, ob man auf der rechten oder linken Seite der Torstraße hinaufgehen möchte und der Mann stand in der Mitte, an der gefliesten Wand, neben dem metallenen Abfallbehälter.) Leider vergebens. Mir fiel aber auf, dass sich noch ein Rest einer hellen Flüssigkeit am Boden der Punicaflasche befand. Der Mann kippte einen kleinen Schluck Sangria hinein (ohne einen Tropfen zu verschütten), hielt die Flasche mit seinem Daumen zu und schüttelte sie, dann kippte er den Mix in den Abfallbehälter.
Spätnachmittags: Groteske!
Februar 9, 2008
Vor dem Institut in der Dorotheenstraße saßen heute Nebelkrähen auf der Wiese. Unter ihnen – in Kuschelnähe – Tauben. Das hat ein gewisses Unbehagen bei mir hervorgerufen.
Yes, we can!
Februar 6, 2008
Der Titel mag etwas Anderes vermuten lassen, aber der Super-Tuesday der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten-Kandidatenwahl kommt hier nicht zur Sprache. Politik aber schon:
In Italien gibt es am 13. April Neuwahlen, das ist jetzt amtlich. Vor einer Woche noch galt das als die größtmögliche Katastrophe, mitterweile hat man sich aber irgendwie ganz cool damit abgefunden.
Die Bildung einer Übergangsregierung unter dem moderaten Senatspräsidenten Franco Marini, mit dem primären Ziel ein Wahlgesetz zu verabschieden, das endlich eine stabile Regierung garantieren sollte, ist nicht gelungen. Das konnte auch nicht gelingen, denn letztendlich ging es im Kern darum, die Macht kleiner (also wirklich winziger) Parteien einzuschränken, die mit ihren Paar Parlamentssitzen imstande waren, das Zünglein an der Wage zu spielen und somit über Erfolg oder Misserfolg einer Regierung zu entscheiden. Es war eine solche Partei, die liberale UDEUR des manirierten Finanzministers Clemente Mastella (hier ein Link zu seinem Blog), die die zweite Regierung Prodi stürzte. Dass diese Parteien ihrer eigenen Abschaffung zustimmen würden, indem sie eine Minderheitsregierung ein neues Wahlgesetz verabschieden lassen, konnte wirklich niemand ernsthaft annehmen. Dass das die Regierungskoalition von vornherein blockierende Mitte-Rechts-Bündnis unter Berlusconi dies tun würde, sowieso nicht.
Die Neuwahlen waren also eine hinausgezögerte, aber wohl unausweichliche Entscheidung des Staatspräsidenten Napolitano. Man hatte allgemein zu große Angst vor einer neuen Regierung Berlusconi, die, den Umfragen zufolge, die allesamt sein Bündnis „Haus der Freiheit“ weit vorn sehen, nun ins Haus steht.
Dermaßen unter Druck gesetzt, bewegt sich nun endlich auch die Linke. Schon im September letzten Jahres bildeten die beiden größten moderat linken Parteien des Landes die neue Demokratische Partei (Pd: Partito Democratico). Dies auch, um sich deutlich von den versprengten Altkommunisten abzuheben (die ebenfalls vor einiger Zeit begonnen haben, sich über eine Zusammenlegung und die Gründung einer neuen Linkesaußen-Partei zu beraten).
Heute nun hat Walter Veltroni, der leader (wie die Italiener sagen) der Pd und äußerst beliebter Bürgermeister Roms, verkündet, dass er mit seiner Partei diesmal nicht in Form eines großen (und damit viele kleine Parteien und genauso viele Meinungen einschließenden) Mitte-Links-Bündnisses in den Wahlkampf geht. Das ist mutig. Stellt aber wohl auch den einzigen Weg dar, den Italiener wieder Vertrauen in die Politik zurückzugeben. Denn diese hatten vor kurzem erst, nach einem Aufruf des streitbaren, populismusverdächtigen Komikers Beppe Grillo (hier ein Link zu seinem Blog, dem meistgelesenen Italiens!), ihrem Unmut beim Vafanculo-Day (Geh-und-lass-dich-in-den-Arsch-Ficken-Tag) freien Lauf gelassen.
Dass hier nun etwas gewagt wird und sich nicht wieder auf die politische Kuppelwirtschaft der vergangen – naja – Jahrzehnte zurückgezogen wird, zeigt, dass Veltroni und die Pd die Botschaft verstanden hat. Eine vielleicht etwas pathetische, aber doch auch die ganze Verzweiflung und den Willen nach Änderung zum Ausdruck bringende Äußerung tat Walter (ja, die Italiener nennen ihn so) heute, als er Barack Obama zitierend am Ende eines Interviews ausrief: Yes, we can!
Diese neue Linke, die sich hier anbahnt, kann am ehesten noch dem Mitte-Rechts-Block etwas entgegensetzen, der ebenfalls aus einem bunten Haufen von Parteien besteht, mit einer Bandbreite von moderat liberalen, über regionalistische bis hin zu extrem rechten, neofaschistischen Positionen.
Man kann also nur hoffen, dass „Walter“ erfolgreich ist und Italien und Europa eine dritte Regierung Berlusconi erspart bleibt.
Und jetzt noch das Musikvideo zum Titel:
Corvus corone cornix
Februar 4, 2008
Wenn ich hier am Schreibtisch sitze und aus dem Fenster sehe, sehe ich eine maulwurfdurchwühlte, grüne Wiese auf der grundsätzlich ca. 20 Rabenkrähen sitzen bzw. herumtrapsen (das Wort existiert!).
Rabenkrähen sind Vögel, die sich nicht entscheiden können. Sie sehen einerseits aus wie Krähen, andererseits könnte man sie auch für Raben halten, ein Umstand, der zur Namensgebung sicherlich beigetragen haben dürfte. Wikipedia nennt diese unentschiedenen Tiere allerdings gehässig Aaskrähen. Ich kann dazu nur sagen, dass die, die hier vor dem Fenster herumstapfen und -zockeln, von mir noch nie beim Aasfressen beobachtet wurden. Zumindest kam ich nie auf den Gedanken, dass sie das gerade tun könnten (die alltäglichen Abgründe).
Damit ist es nicht getan: Nordöstlich der Elbe, wo ich mich gerade aufhalte, existiert eine Untergattung der Aas- bzw. Rabenkrähe, die als Nebelkrähe bezeichnet wird und sich durch einen eher grauen Körper mit schwarzem Kopf, Schwanzgefieder und ebenfalls schwarzen Flügeln auszeichnet. – Ja, das kann ich bestätigen, so sehen die, die vor dem Fenster hier so rein- und raussegeln, rumschlurren und – fletzen tatsächlich aus, also Nebelkrähen sind das, vielen Dank.
Doch das bisschen Konsequenz ist offenbar schon eine Zumutung. Die eben noch sauber unterschiedenen Raben- und Nebelkrähen sind nämlich imstande fortpflanzungsfähige Hybridformen hervorzubringen, die, um der Verwirrung ja keinen Abbruch zu tun, Merkmale der Gefiederfärbung (das ist ja wohl ein Euphemismus) beider Elternteile vorzuweisen haben.
Der soeben noch geneigte Naturbeobachter stellt sein gerade erst entdecktes Steckenpferd angewidert in die Ecke bei so viel Flatterhaftigkeit.
Pinocchio Cap. II
Februar 4, 2008
Auf Wunsch eines Freundes, der wissen möchte, wie es weitergeht, folgt hier das zweite Kapitel von Pinocchios Abenteuern. Ich habe mich sehr über diese Bitte gefreut und mich gleich daran gemacht.
Ich muss allerdings bemerken, so mal als Arbeitsbericht, dass ich bezüglich des ersten Kapitels jetzt schon das eine oder andere Übersetzungsproblem anders gelöst hätte. So – und aufgrund der nicht ganz unwichtigen Stellung dieses Wortes, erscheint es mir angebracht, das hier zu erwähen – so also, habe ich das italienische burratino anfangs mit Holzpuppe übersetzt, das ist zwar nicht falsch, Marionette wäre allerdings besser gewesen. Da fehlt dann natürlich die Assoziation zu Pinocchios Rohstoff, aber damit muss man wohl leben. Ich habe auch einmal in eine ältere Übersetzung geschaut und da stand Hampelmann. Für mich sind das ja so flache Pappfiguren, die gern über Kinderbetten an der Wand angebracht werden. Unten hängt eine Schnur raus, daran kann man ziehen, was bewirkt, dass der Hampelmann einen Hampelmann macht. Ich hoffe meine Vorstellung von Hampelmann ist in etwa gleich mit der der Allgemeinheit, sonst müsste nochmal über die Übersetzung von burratino nachgedacht werden. Ist ja, wie gesagt, nicht gänzlich unbedeutend.
So. Hier das 2. Kapitel:
II.
Meister Ciliegia schenkt das Stück Holz seinem Freund Geppetto, der es annimmt, um sich eine ganz besonders wundervolle Marionette anzufertigen, die tanzen, fechten und salti mortali springen kann.
In diesem Moment wurde an die Tür geklopft.
„Kommt nur herein,“ sagte der Tischler, ohne die Kraft zu haben, wieder auf die Beine zu kommen.
Da trat ein alter, aber rüstiger Mann in die Werkstatt, der den Namen Geppetto trug, von den Jungen der Nachbarschaft aber – wenn sie ihn so richtig zur Weißglut bringen wollten – bei seinem Spitznamen Polendina gerufen wurde. Dies, weil er eine gelbe Perücke trug, die sehr an eine Polenta erinnerte.
Geppetto war ausgesprochen cholerisch. Wehe, wenn man ihn Polendina nannte! Er wurde sofort zu einem wilden Tier und es gab nichts mehr, das ihn halten konnte.
„Guten Tag, Meistr’Antonio“, sagte Geppetto, „was macht ihr denn da auf dem Fußboden?“
„Ich bringe den Ameisen das Rechnen bei.“
„Es möge euch wohl bekommen!“
„Was hat euch zu mir gebracht, Gevatter Geppetto?“
„Die Beine!… Wisst, Meistr’Antonio, dass ich zu euch gekommen bin, um euch um einen Gefallen zu bitten.“
„Hier bin ich, zu euren Diensten,“ gab der Tischler, sich langsam aufrichtend, zur Antwort.
„Heute Morgen hatte ich einen Einfall.“
„Lasst hören.“
„Ich sann darüber nach, mir eine schöne Marionette aus Holz anzufertigen; aber eine ganz besonders wundervolle Marionette, die tanzen, fechten und salti mortali springen kann. Mit dieser Puppe möchte ich dann, für ein Stück Brot und ein Glas Wein, die Welt umreisen. Was denkt ihr darüber?“
„Bravo, Polendina!“, rief das Stimmchen, von dem man nicht wusste, woher es kam.
Als Gevatter Geppetto hörte, dass man ihn Polendina rief, wurde er puterrot und sagte – sich vor dem Tischler aufbauend – aufbrausend:
„Warum beleidigt ihr mich?“
„Wer beleidigt euch?“
„Ihr habt mich Polendina genannt.“
„Das war nicht ich.“
„Es kommt noch soweit, dass ich es gewesen sein soll?! Ich sage, dass ihr es wart.
„Nein!“
„Doch!“
„Nein!“
„Doch!“
Und sich immer stärker erhitzend, gingen sie von Worten zu Taten über: Sie packten sich gegenseitig, kratzten und bissen sich und richteten sich übel zu.
Als der Kampf vorbei war, fand Meistr’Antonio Geppettos gelbe Perücke in seinen Händen wieder und Geppetto wurde der zerrupften Perücke des Tischlers in seinem Mund gewahr.
„Gib mir meine Perücke!“, schrie Meistr’Antonio.
„Und du gibst mir die meine und wir schließen wieder Frieden.“
Nachdem jeder dem anderen dessen Perücke zurückgegeben hatte, gaben sich die beiden Alten die Hand und schworen das ganze Leben lang gute Freunde zu bleiben.
„Nun, Gevatter Geppetto“, sagte der Tischler als Zeichen der geschlossenen Freundschaft, „was für ein Gefallen war es doch gleich, den ihr von mir wünschtet?“
„Ich hätte gern ein wenig Holz, um meine Marionette zu bauen. Gebt ihr es mir?“
Augenblicklich und sehr zufrieden ging Meistr’Antonio sofort das nämliche Stück Holz holen, das Ursache so vieler Ängste bei ihm gewesen war. Aber als er es seinem Freund geben wollte, machte das Holz einen heftigen Ruck, entschlüpfte ungestüm seinen Händen und schlug mit ganzer Kraft gegen das ausgemergelte Schienbein des armen Geppetto.
„Ah! Das ist also die Art Höflichkeit, Meistr’Antonio, mit der ihr eure Sachen verschenkt? Ihr habt mich beinahe lahm gemacht.“
„Ich schwöre, es war nicht ich!“
„Also war ich es gewesen?!“
„Die Schuld hat ganz allein das Holzstück hier.“
„Ich weiß, dass der Schmerz von dem Holzstück kommt; aber ihr wart es, der es mir gegen die Beine gehauen hat.“
„Ich habe euch nicht gehauen!“
„Lügner!“
„Geppetto, beleidigt mich nicht; oder ich nenne Euch Polendina!…“
„Esel!“
„Polendina!“
„Muli!“
„Polendina!“
„Blöder Affe!“
„Polendina!“
Als Geppetto zum dritten Mal hörte, dass er Polendina genannt wurde, geriet er außer sich und versetzte dem Tischler einen Schlag. Da gaben sie es sich gehörig und ausgiebig!
Am Ende der Schlacht hatte Meistr’Antonio zwei Schrammen mehr an der Nase und der andere zwei Knöpfe weniger an der Weste. Da die Rechnung in dieser Hinsicht ausgeglichen war, gaben sie sich die Hand und schworen Freunde fürs Leben zu bleiben.
Zu guter Letzt nahm Geppetto das artige Stück Holz mit sich, bedankte sich bei Meistr’Antonio und hinkte zurück nach hause.
Pinocchio Cap. I
Februar 1, 2008
Ich habe gestern mal angefangen, Pinocchio zu übersetzen. Aus Übungsgründen und weil es irgendwie auch Spaß macht. Nun gibt es sicher schon hunderte Übersetzungen, kann ich mir zumindest vorstellen. Nichtsdestotrotz hier jetzt das erste Kapitel. Mal sehen, vielleicht wird ja sogar eine größere Sache draus. Achso, als Vorlage habe ich die Einaudi-Ausgabe genommen.
Pinocchios Abenteuer. Die Geschichte einer Holzpuppe. Von Carlo Collodi.
I.
Was geschah, als der Tischlermeister Ciliegia ein Stück Holz fand, dass weinte und lachte wie ein Kind.
Es war einmal…
„Ein König!“ – sagen flugs meine kleinen Leser.
Nein, Kinder, da habt ihr euch geirrt. Es war einmal ein Stück Holz.
Aber nicht ein edles Stück Holz, sondern vielmehr einer jener einfachen Scheite, wie man sie im Winter in die Öfen und Kamine tut, um Feuer zu machen und die Wohnung zu heizen.
Ich weiß nicht wie es geschah, aber Tatsache ist, dass dieses Stück Holz eines schönen Tages in die Werkstatt eines alten Tischlers geriet, der eigentlich Meistr’Antonio hieß. Er wurde aber von allen Meister Ciliegia genannt, weil seine Nasenspitze stets purpurrot war und glänzte, als ob sie gerade poliert worden wäre. Genau wie eine reife Kirsche.
Als Meister Ciliegia das Holzstück erblickte, freute er sich, rieb sich vor Zufriedenheit die Hände und murmelte leise:
„Das Hölzchen taucht zur rechten Zeit auf: Ich will mir ein Tischbein daraus machen.“
Gesagt, getan. Er nahm eine scharfe Axt, um die Rinde abzuschlagen und das Stück zurechtzustutzen. Gerade wollte er den ersten Schlag abwärtssausen lassen, als er, den Arm in die Luft erhoben, plötzlich innehielt: Er hatte ein leises, dünnes Stimmchen gehört, das ihn anflehte:
„Schlag mich nicht zu fest!“
Stellt euch vor, wie es dem guten alten Meister Ciliegia da erging.
Verstört ließ er die Augen im Raum herumkreisen, um zu sehen, woher bloß diese Stimme gekommen sein konnte. Doch er fand niemanden. Er sah unter die Bank. Niemand. Er sah in einen für gewöhnlich immer verschlossenen Schrank. Niemand. Er sah in den Korb mit den Sägespänen. Niemand. Er öffnete sogar die Haustür der Werksatt um einen Blick auf die Straße zu werfen. Niemand. Und also?…
„Ich hab verstanden,“ sagte er nun, lachend und sich die Perücke kratzend, „es ist klar, dass ich mir das Stimmchen nur eingebildet habe. Zurück an die Arbeit.“
Er nahm wieder die Axt zur Hand und schmetterte sie mit einem gehörigen Hieb auf das Holzstück herab.
„Auweh, Du hast mir weh getan!,“ rief das Stimmchen klagend.
Dieses Mal blieb Meister Ciliegia wie angewurzelt stehen. Mit vor Angst aus dem Kopf hervorquellenden Augen, mit weit aufgerissenem Mund und mit heraushängender Zunge, die bis zum Kinn herabbaumelte, sah er aus wie eine Brunnenfratze.
Nachdem er die Sprache wiedererlangt hatte, begann er schlotternd und stotternd zu sagen:
„Aber woher wird dieses Stimmchen gekommen sein, dass Auweh gesagt hat?… Hier ist doch keine Menschenseele. Kann es zufällig sein, dass dieses Stück Holz gelernt hätte wie ein Kind zu weinen und zu lamentieren? Das kann ich nicht glauben. Dieses Hölzchen hier… ist ein Scheit für den Ofen, genau wie all die andern… Um es aufs Feuer zu werfen, um einen Topf Bohnen zu kochen. Und also?… Was, wenn jemand drinnen versteckt wäre? Wenn wirklich jemand drinnen steckt, schlecht für ihn. Jetzt werd’ ich aufräumen!“
Und es sagend, ergriff er das arme Stück Holz mit beiden Händen und machte sich daran es erbarmungslos gegen die Wände des Zimmers zu schleudern.
Hinterher horchte er, ob da nicht das klagende Stimmchen wäre. Er wartete zwei Minuten. Nichts. Fünf Minuten. Nichts. Zehn Minuten. Nichts.
„Ich habe verstanden,“ sagte er dann, lachte gezwungen und raufte sich die Perücke, „es ist klar, dass ich mir dieses Stimmchen, das Auweh gesagt hat, nur eingebildet habe. Zurück an die Arbeit!“
Um sich Mut zu machen, versuchte er ein wenig vor sich hin zu trällern, denn er hatte große Angst. Und da er fürs Erste der Axt überdrüssig war, nahm er jetzt den Hobel zur Hand, um das Stück Holz schön glatt zu hobeln. Aber schon in dem Moment, in dem er einmal hin und her gehobelt hatte, hörte er das wohlbekannte Stimmchen, das ihm lachend zurief:
„Hör auf! Das juckt ja überall!“
Dieses Mal fiel der arme Meister Ciliegia wie tot um. Als er die Augen wieder aufmachte, fand er sich auf dem Fußboden sitzend wieder.
Sein Gesicht schien ganz entstellt, und sogar seine Nasenspitze, die ja eigentlich immer purpurrot war, war von der großen Angst türkis geworden.