Irre!

März 16, 2008

Mir ist gerade aufgefallen, dass in meinen beiden letzten Einträgen das Adjektiv „irrsinnig“ vorkommt. Das nenne ich die Rainaldgötzisierung meines Vokabulars, irre irre das!

Sachsen-Anhalt.- Erst einmal kurz durchatmen und auf sich wirken lassen: Sachsen-Anhalt.

Spontane Assoziationen? Provinzialität, schlechtes Wetter, Neonazismus, Wurst, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, soziale Verwahrlosung, Halle-Neustadt, Aschersleben…

Sachsen-Anhalt. Der Inbegriff der Bedeutungslosigkeit. Die negative Utopie schlechthin: Es gibt diesen Ort, aber niemand will hin. Darum spricht auch niemand darüber. Es gibt ihn, aber er existiert nicht. Eine depressive Anderwelt, ein Nibelungenland ohne Kraft, ohne Schatz, ohne Glanz; nur Nebel, Äcker, Ohnmacht, Armut und Ödnis. Ja Ödnis, nicht Tristesse, denn der wäre noch etwas abzugewinnen. Und Sachsen-Anhalt? Dem ist nichts abzugewinnen. Sachsen-Anhalt ist das Nichts im unpathetischsten vorstellbaren Sinne. Sachsen-Anhalt ist die topologische Negation der Hoffnung bzw. die topologische Manifestation der Hoffnungslosigkeit.

„Ich komme aus Sachsen-Anhalt.“ Jedes Mal, wenn ich gefragt werde, woher ich komme, sage ich diesen Satz zugleich mit Scham und Stolz, denn einerseits habe ich Sachsen-Anhalt überlebt, bin Sachsen-Anhalt sogar entkommen, andererseits haftet Sachsen-Anhalt an mir, wird immer an mir haften, ein Fleck, klebrig und unnachgiebig wie schwarzes Pech, eine Schwäche, die jedem schnell die Aussichtslosigkeit meiner Existenz bewusst macht. Da hilft auch keine noch so subtile Ironie, kein noch so gewandtes Bonmot; sofort wird dem Gegenüber klar, wer und was ich bin, d.h. woher ich komme und ein Blitzen in seinen Augen verrät den Ekel, der ihn durchfährt und mit einer Geste schlecht versteckten Mitleids wendet er sich ab und hat mich im selben Moment bereits vergessen.

Um nun – nach diesen zugegebenermaßen kathartisch erlebten, anfänglichen Einlassungen – zum eigentlichen Thema des Artikels zu kommen: Sachen-Anhalt ist sich in den letzten Jahren des eigenen jämmerlichen Nicht-Zustandes bewusst geworden (ein sicher schmerzlicher Prozess, plötzlich erkennen zu müssen, dass es eine Welt gibt, da draußen, die noch nie etwas von Sachsen-Anhalt gehört hat). Und unter irrsinnig vollkommener Verkennung der eigenen Lage und gleichzeitig mit geradezu traumtänzerisch sicherer Ausnutzung des großzügig gegebenen Potentials Ursache unfreiwilliger Komik zu werden, hat Sachsen-Anhalt eine Publicity-Kampagne gestartet, die allein aus einem Satz besteht, der da lautet: „Wir stehen früher auf!“

Ich fand das damals nur folgerichtig und nahm es resignierend zur Kenntnis, die unausweichlichen Lacher auf meine Kosten antizipierend. Sachsen-Anhaltiner (was?) sind nämlich die Einwohner des „Landes der Frühaufsteher“, i.e. also selbst Frühaufsteher, vielen Dank! Dass das Frühaufstehen eine Tugend ist, weiß man. Dass der Frühaufsteher sprichwörtlich bezüglich seiner geistigen Kräfte etwas heller ist als andere, das weiß man nicht mehr ganz so sicher, aber einige wenige werden diese Polysemie wohl noch erkennen. Dass aber Wortspiele dieser Art, sowie jegliche Anpreisung von Tugenden – mag es auch das Frühaufstehen sein – alles andere sind, als sloganfähig (und das schon seit geraumer Zeit nicht, wenn überhaupt jemals), zeigt, dass die Kampagne von Anfang an nicht ganz durchdacht wurde. Vielmehr überzeugt sie den feixenden Rezipienten gewissermaßen augenblicklich vom Gegenteil der beabsichtigten Message und bestätigt damit seine Ressentiments. Ich glaube sogar, dass das strukturell so ungefähr die Kernthese der freudschen Witztheorie ist. Vielleicht ist das aber auch Quatsch.

Abschließend soll noch erwähnt sein, dass ich ursprünglich vorhatte über die aktuelle – und wie ich finde durchaus gelungene – Kampagne zur medialen Sichtbarmachung Sachsen-Anhalts zu schreiben. Da jetzt aber dieser Artikel schon so lang ist geworden ist, will ich das auf ein Andermal verschieben.