Sachsen-Anhalt.- Erst einmal kurz durchatmen und auf sich wirken lassen: Sachsen-Anhalt.

Spontane Assoziationen? Provinzialität, schlechtes Wetter, Neonazismus, Wurst, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, soziale Verwahrlosung, Halle-Neustadt, Aschersleben…

Sachsen-Anhalt. Der Inbegriff der Bedeutungslosigkeit. Die negative Utopie schlechthin: Es gibt diesen Ort, aber niemand will hin. Darum spricht auch niemand darüber. Es gibt ihn, aber er existiert nicht. Eine depressive Anderwelt, ein Nibelungenland ohne Kraft, ohne Schatz, ohne Glanz; nur Nebel, Äcker, Ohnmacht, Armut und Ödnis. Ja Ödnis, nicht Tristesse, denn der wäre noch etwas abzugewinnen. Und Sachsen-Anhalt? Dem ist nichts abzugewinnen. Sachsen-Anhalt ist das Nichts im unpathetischsten vorstellbaren Sinne. Sachsen-Anhalt ist die topologische Negation der Hoffnung bzw. die topologische Manifestation der Hoffnungslosigkeit.

„Ich komme aus Sachsen-Anhalt.“ Jedes Mal, wenn ich gefragt werde, woher ich komme, sage ich diesen Satz zugleich mit Scham und Stolz, denn einerseits habe ich Sachsen-Anhalt überlebt, bin Sachsen-Anhalt sogar entkommen, andererseits haftet Sachsen-Anhalt an mir, wird immer an mir haften, ein Fleck, klebrig und unnachgiebig wie schwarzes Pech, eine Schwäche, die jedem schnell die Aussichtslosigkeit meiner Existenz bewusst macht. Da hilft auch keine noch so subtile Ironie, kein noch so gewandtes Bonmot; sofort wird dem Gegenüber klar, wer und was ich bin, d.h. woher ich komme und ein Blitzen in seinen Augen verrät den Ekel, der ihn durchfährt und mit einer Geste schlecht versteckten Mitleids wendet er sich ab und hat mich im selben Moment bereits vergessen.

Um nun – nach diesen zugegebenermaßen kathartisch erlebten, anfänglichen Einlassungen – zum eigentlichen Thema des Artikels zu kommen: Sachen-Anhalt ist sich in den letzten Jahren des eigenen jämmerlichen Nicht-Zustandes bewusst geworden (ein sicher schmerzlicher Prozess, plötzlich erkennen zu müssen, dass es eine Welt gibt, da draußen, die noch nie etwas von Sachsen-Anhalt gehört hat). Und unter irrsinnig vollkommener Verkennung der eigenen Lage und gleichzeitig mit geradezu traumtänzerisch sicherer Ausnutzung des großzügig gegebenen Potentials Ursache unfreiwilliger Komik zu werden, hat Sachsen-Anhalt eine Publicity-Kampagne gestartet, die allein aus einem Satz besteht, der da lautet: „Wir stehen früher auf!“

Ich fand das damals nur folgerichtig und nahm es resignierend zur Kenntnis, die unausweichlichen Lacher auf meine Kosten antizipierend. Sachsen-Anhaltiner (was?) sind nämlich die Einwohner des „Landes der Frühaufsteher“, i.e. also selbst Frühaufsteher, vielen Dank! Dass das Frühaufstehen eine Tugend ist, weiß man. Dass der Frühaufsteher sprichwörtlich bezüglich seiner geistigen Kräfte etwas heller ist als andere, das weiß man nicht mehr ganz so sicher, aber einige wenige werden diese Polysemie wohl noch erkennen. Dass aber Wortspiele dieser Art, sowie jegliche Anpreisung von Tugenden – mag es auch das Frühaufstehen sein – alles andere sind, als sloganfähig (und das schon seit geraumer Zeit nicht, wenn überhaupt jemals), zeigt, dass die Kampagne von Anfang an nicht ganz durchdacht wurde. Vielmehr überzeugt sie den feixenden Rezipienten gewissermaßen augenblicklich vom Gegenteil der beabsichtigten Message und bestätigt damit seine Ressentiments. Ich glaube sogar, dass das strukturell so ungefähr die Kernthese der freudschen Witztheorie ist. Vielleicht ist das aber auch Quatsch.

Abschließend soll noch erwähnt sein, dass ich ursprünglich vorhatte über die aktuelle – und wie ich finde durchaus gelungene – Kampagne zur medialen Sichtbarmachung Sachsen-Anhalts zu schreiben. Da jetzt aber dieser Artikel schon so lang ist geworden ist, will ich das auf ein Andermal verschieben.

9 Antworten zu “Ich, einer unter vielen aus dem Land der Frühaufsteher”

  1. anne sagte

    Es kann immer schlimmer kommen. Ich meine: Es gibt Länder, die haben meines Wissens überhaupt keinen Slogan. Brandenburg zum Beispiel. Aber da soll es ja immerhin wieder Wölfe geben, INSOFERN …

  2. charlotte sagte

    Anne, ich muss dich korrigieren. Brandenburg HAT einen Slogan, und zwar den längsten von allen: “Brandenburg. Offen für… Macher und Gründer”, …Ideen und Perspektive”, …Entdecker”.

  3. anne sagte

    Ich verstehe. Aber Berlin hat wirklich keinen. DAS ist doch mal was. Unser Slogan ist übrigens “Immer eine gute Idee!”

  4. falk sagte

    Also Anne, ich bin schon sehr enttäuscht. Du bist vergangene Woche mindestens vier Mal am Roten Rathaus vorbeigegangen und auf den davor wehenden Fahnen hättest Du den Berlin-Slogan lesen können:
    “sei… sei… sei berlin”. Das gepunktete scheint man dabei mit beliebigen Wörtern füllen zu können, etwa, bezüglich der Fashion Week (vermute ich): “sei laufsteg, sei straße, sei berlin”. Ein Vorschlag von mir: “sei ecke, sei parkbank, sei berlin”. Die konsequente Kleinschreibung ist natürlich sehr modern und der Imperativ “sei” die maximale Entleerung des bedeutungsschwangeren “Mein Name sei Gantenbein”: Dort wurde immerhin noch ein fiktives menschliches Individuum zur Identifikation angeboten, hier nur noch Dinge, maximal dann eine Stadt, Berlin, die identitätsfreieste Stadt imaginable (stimmt das?). “sei laterne, sei bus, sei berlin”. Aber auch das, natürlich, sehr modern.

  5. falk sagte

    Achso: Aber immer noch besser als die simple Behauptung: “Du bist …!”. Da hat man nämlich keine Wahl. Es sei denn Trotz: “Bin ich nicht!”.

  6. anne sagte

    Ja, erneut: Du hast recht, Ihr habt recht, alle haben recht – nur ich nicht: Als ob ich solche Verbindungen herstellen könnte! Gemeint ist es übrigens als: “Seid mit ganzem Herzen Berliner. Macht mit! Ihr alle seid wichtig. Auf euch kommt es an”. Na dann …

  7. falk sagte

    Welche Verbindungen? Und jetzt sei nicht beleidigt…

  8. anne sagte

    Die Verbindung zwischen “an irgendwas vorbeilaufen” und “dem eine Bedeutung zumessen”. Und ich bin überhaupt nicht beleidigt!

  9. Claudita sagte

    Dein Artikel ist so herrlich negativ. Manchmal bin ich so froh, nicht mehr zu denen zu gehören, die früher aufstehen. Wenn ich Sachsen-Anhalt besuche, wache ich am Wochenende plötzlich früher auf als sonst im “Sei irgendwas, aber sei Berlin”-Land. Hat das nicht auch was Magisches? Natürlich muss man sich fragen, warum das passiert. Das man irgendetwas verpassen könnte, kann schlussendlich nicht der Grund sein.

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