Und Augustinus sprach zu mir…
Mai 10, 2008
Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie man zu Problemen, die einen gegenwärtig beschäftigen (oft ja unfreiwillig), plötzlich Antworten gereicht bekommt. Nun stimmte ich ja gestern mal wieder so ein Lamento an, weil mich ja mal wieder ein Problem quälte, dass nicht unbedingt neu ist. Im Gegenteil ist dieses Lamento ein ziemlich fester und konstanter Bestandteil meiner sog. Existenz, also so eine Art Betriebsbrummen, meldet sich halt nur mit unterschiedlicher Dringlichkeit zu Wort, in etwa wie die Kühlung meines Laptops, um jetzt mal im Bild zu bleiben (das gar nicht so schlecht funktioniert, denn solch eine echte Eruption des schlechten Gewissens ist ja oft – durchaus einer Karthasis vergleichbar – das letzte Aufbegehren der Trägheit (Oxymora en masse!) vor einer neuen Phase der Produktivität). Nebenbei bemerkt geht das eigentlich allen Menschen, die ich meine Freunde nennen darf, ähnlich. Mh.
Um zu den sich zufällig anfindenden Antworten zurückzukommen: Meist verbergen die sich ja gerade da, wo man sie gar nicht vermutet. In meinem Fall gerade in einer – naja – Selbstbefragung des großen italienischen Sonetteschreibers Franceso Petrarca, die sich Secretum meum nennt, so ca. 1342 entstanden. Kurz das Setting: Ein gewisser Franziskus (aha, ein alter ego des Autors?) hat plötzlich eine Erscheinung. Eine strahlend schöne Dame steht aus heiterem Himmel vor ihm, die so strahlend schön ist, dass sie blendet. Natürlich: Die Wahrheit. Die Wahrheit hat aber noch jemanden dabei, der dem armen, leidenden, weil irrenden Franziskus auf den richtigen Weg bringen soll, den Weg zur Wahrheit, den Weg zu Gott… Und als Meister der Selbstbetrachtung im christlichen Kontext bietet sich naturgemäß Kirchenvater Augustinus an, der Franziskus in einem Streitgespräch nun auf den eitlen Zahn fühlen darf. (Die Wahrheit zieht sich übrigens schweigend zurück und lauscht dem Gespräch der beiden: Wenn das nicht was zu bedeuten hat.)
Franziskus ist in der Folge recht begriffsstutzig: Es ist ihm schon klar, dass das auf der Erde alles eitel Treiben sei, dass ihm – so er nicht davon ablasse – nur das Fegefeuer bescheren würde. Er hätte es auch immer wieder versucht, sich mithilfe endloser und gewissenhaft detaillierter memento mori davon abzuwenden, allein, er falle immer wieder zurück in die häßlich-schönen (das Mittelalter ist halt voll von dieser Stilfigur (wat willse machen, kannse nix machen)) Arme der Frau Welt. Ständig wiederholt Franziskus daher die Frage: Was also hält mich zurück? Nach langem Hin und Her dann am Ende des ersten Buches eine schon leicht generverte Replik Augustinus, die auch mich aus dem noch morgendlich verdöstem Geschmöker riss und – oh große Geste des getroffenen Lesers – aufblicken ließ:
„Diese Seuche hat Dir geschadet, und wenn du nichts dagegen tust, wird sie dich bald zugrunde richten. Denn der von seinen Sinneserscheinungen überschüttete und von vielen verschiedenartigen Sorgen, die pausenlos gegeneinander kämpfen, bedrückte zerbrechliche Geist kann nicht prüfen, welcher er zuerst begegnen, welche er fördern, welche er vernichten, welche er zurückweisen soll; und all seine Kraft und Zeit, die ihm eine sparsame Hand zugeteilt hat, reichen für so viele Dinge nicht aus. Was also denjenigen zu widerfahren pflegt, die auf engem Raum vieles säen, daß nämlich die Saaten sich gegenseitig bedrängen und behindern, eben das geschieht dir: In deinem allzu beschäftigtem Geist treibt nichts Nützliches Wurzeln und wächst nichts Fruchtbringendes heran; und du bist ratlos und wendest dich mit wunderlichen Schwanken bald hierhin, bald dorthin und bist nirgends vollkommen, nirgends ganz. Daher kommt es, daß dein – wenn man ihn läßt, edler - Geist, jedesmal, wenn er zu diesem Gedanken an den Tod und zu den anderen, durch die man zum Leben gelangen kann, Zutritt findet und durch seine naturgegebene Scharfsinnigkeit auf den Grund hinabsteigt, dort nicht zu bleiben vermag und unter dem Druck der Menge verschiedenartiger Sorgen wieder zurückspringt. Infolgedessen erschlafft ein so heilsamer Vorsatz durch allzuviel Unbeständigkeit , und es entsteht jene innere Zwietracht [...] und jene Bedrängnis einer sich selbst zürnenden Seele, die sich vor ihrem eigenen Schmutz ekelt und ihn nicht abwäscht, die die krummen Wege erkennt und sie nicht verläßt, die die drohende Gefahr fürchtet und sie nicht abwendet.„
Also mir hat das zu denken gegeben. Vor allem, da ich ja schon seit Monaten auf dieses neue Buch von Kathrin Passig und Sascha Lobo warte: Eine Apologie der Prokrastination? Das klingt mephistophelisch, bzw. belzebübisch, je nachdem, welchen Autor man meint.
Übrigens hatte ich gerade noch eine Erkenntnis: Ich bin absolut und ganz und gar nicht fähig, Texte Pointen zuzuführen. Egal.