Im Kulturteil der heutigen Neuen Zürcher Zeitung hat Franz Haas einen Artikel zum Abschluß der Turiner Buchmesse geschrieben. Am Ende erwähnt er, dass ein Auszug aus dem gerade erschienenen Gedichtband „Perdonare Dio“ des vor kurzer Zeit eingesetzten italienischen Kulturministers Sandro Bondi in dem Lyrik-Blog La poesia e lo spirito verröffentlicht wurde. Diese zärtlichen Verse an geheimnisumwitterte weibliche Abgeordnete, an Silvio Berlusconi, an dessen Mutter oder auch an den „leader“ der linken Opposition, Walter Veltroni, sind dermaßen atemberaubend und unglaublich, dass ich es für unbedingt erforderlich hielt, sie auch dem geneigten deutschsprachigen Leser zugänglich zu machen.

Eingangs aber noch ein paar Erläuterungen zur Personage (in order of appearance):

Rosa Bossi: Kürzlich verstorbene Mutter Silvio Berlusconis

Silvio: Silvio

Giuliano Ferrara: Herausgeber der Tageszeitung „Il Foglio“ und Politiker, Minister und Pressesprecher der ersten Berlusconi-Regierung (Popolo della Libertá (PdL) – Nachfolgepartei der Forza Italia)

Michela Vittoria Brambilla: Unternehmerin und Politikerin, Ministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales (PdL)

Stefania Prestigiacomo: Politikerin, in der jetzigen Regierung Berlusconi zum dritten Mal Ministerin (Umweltschutz und Raumplanung) (PdL)

Anna Finocchiaro: Politikerin, Ministerin während der ersten Prodi-Regierung, jetzt Abgeordnete im Senat (Partito Democratico)

Walter Veltroni: Politiker und Journalist, war 2001 bis 2007 Bürgermeister von Rom, seitdem Vorsitzender des Partito Democratico, war Spitzenkandiat gegen Berlusconi

Nun aber zu Sandro Bondis Lyrik:

Auszug aus „Perdonare Dio“ (Gott verzeihen)

An Rosa Bossi

Geisterfüllte Hände
Überfließende Seele
Liebende Umarmung
Mutter Gottes

*

An Silvio

Genießendes Leben
Vorausgehendes Leben
Angestrebtes Leben
Geliebtes Leben
Reges Leben
Wiedererworbenes Leben
Strahlendes Leben
Enthülltes Leben
Neues Leben

*

An Giuliano (Ferrara)

Höhle der Liebe
Donnern des Lichts
Worte des Untergrunds
Ströme von Lava
Noch einmal zur Rettung

*


An eine geheimnisumwitterte Kammerabgeordnete

Schmerzender Glanz
Sanfte Königin
Geheimnisvolle Hexerei
Sternenstaub

*

An Michela Vittoria Brambilla

Ahnungslose Schönheit
Geraubte Sinnlichkeit
Blume, die den Kopf hängen lässt
Sünde der Liebe


*


An Stefania Prestigiacomo

Gleichgültiges Gestirn
Mütterliche Sinnlichkeit
Durchsichtiger Schleier
Strenge Hingabe

*


An Anna Finocchiaro

Erhabenes Schwarz
Bedächtige Hingabe
Brutales Rot
Flüchtige Ironie
Perlmuttenes Weiß
Furchtloses Geheimnis

*


Zur Hochzeit Elio Vitos

In deinen Armen magische Stille
In deinen Armen bewegte Leidenschaft
In deinen Armen ein Sonnenblumenbeet
In deinen Armen Sonnenschein der Heiterkeit

*


A Fabrizio Cicchitto

Wir machten gemeinsam
diese unwiederholbaren Erfahrungen
mit Leidenschaft, politischer
authentischer,
mit reiner Seele
und mit dem Erstaunen
der Freundschaft.
Wir werden uns fehlen
wenn die neue Zeit kommt
und wir werden uns schlussendlich spiegeln
der eine im andern.
Und uns wird auch das fehlen,
was wir nicht
gemeinsam erlebt haben,
zwischen den Schulbänken,
während der unruhigen Jugendzeit
und während der Zeit, in der man nicht liebt.
Mein Vertrauen
Liegt in der Zärtlichkeit deiner Blicke.
Dein Vertrauen
liegt in den Worten, die ich suche.


*

An Gabriella (seine Frau)

Gütiger Pater
Einzige Liebe
Panzer des Glaubens
Brocken von Lava
Flüchtige Seele

*


An Francesco (seinen Sohn)

Du besänftigtest mich
Indem du vorgabst zu schlafen
Du schienst ruhig
doch du trocknetest dir
die Tränen
Pater deines Papas
der du sein wirst
im Moment des Abschieds.

*


A Walter (Veltroni)

Zärtlicher Vater
Mutter meiner Träume
Verbittertes Herz
Mein wiedergefundener
Sohn

Ich finde, ich muss das nicht kommentieren. Zumal das ganze Echaufierungsgedöns in puncto Italien sowieso abkömmlich ist; einen souverän treffenden, angenehm stummen und entzückend angepoppten Kommentar gibt es nämlich schon, mehr muss dann auch nich.

Eine Antwort zu “Verse eines dichtenden Kulturministers: Sandro Bondi”

  1. charlotte sagte

    So, da erhält „Silvio“ also bewundernde Gedichte. Aber auch der Präsident selbst zeigt sich von seiner romantischen Seite. So verfasst er im Parlament kleine Liebesbriefchen an weibliche Abgeordnete, die er unterschreibt mit „Viele Küsse!!! Euer Presidente“. (http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~EAB72E2EC85024145ADD7C192659B0DE6~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_politik)
    Schönes Italien. Dort kann man auch als Spitzenpolitiker Gefühle zeigen…

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