In kaum einem Land klaffen Ideal und Wirklichkeit so deutlich auseinander wie in dem Land, um das es hier gehen soll (und das aus persönlichen Gründen nicht genannt sein möchte). Und in kaum einem Land spiegelt sich diese Kluft so deutlich in seinem Erscheinungsbild wider. Seit Jahrzehnten wurden Pläne gemacht, wurden ganze Städte – allen voran die Hauptstadt des Landes – einem Redesign unterzogen. Vor den Überbleibseln dieser gescheiterten Versuche sollten nun endlich nicht mehr die Augen verschlossen werden. Ganz besonders nicht in diesen Tagen, in denen die Siegesfeiern wieder einmal ausblieben.

Anstrengungen hatte man allerdings nicht gescheut: Eine ganze Straße hatte man mitten durch den größten Park der Hauptstadt gezogen. Man hat sie „Fanmeile“ genannt, weil sie denen gewidmet war, die dem Land durch Fahnenschwenken und Brüllen, durch Anmalen des Gesichts und Färben der Haare, durch Trommeln und nicht zuletzt Biertrinken auf die Beine helfen sollten, den „Fans“. Allein, auch das hatte nichts genützt. So liegt er nun da, der vermeintliche Boulevard des Triumphs, elend und verlassen.

Fanmeile

Den „Fans“ hatte man sogar, um sie zu ehren, eine Statue errichtet.

Aber auch an schon weit zurück liegende Niederlagen wurde erinnert. Damit so etwas nicht wieder geschehe.

Sogar eine „Siegessäule“ hatte man gebaut.

Am sinnfälligsten wird doch aber das Versagen des Landes, wenn man die schon jahrzehnte zurückliegenden Pläne für den sogenannten „Palast der Republik“ mit dem vergleicht, was davon bis heute realisiert werden konnte. (Der Leser führe sich vor Augen, dass man für dieses Vorhaben ein Schloss, das sich an der für den Palastbau vorgesehenen Stelle befand, extra hatte abreißen lassen.)

Jährlich reisen mehrere Millionen Touristen in die Hauptstadt des Landes, um sich an seinem Versagen zu laben und sich hinterher überdreht zu besaufen (der Alkohol ist in dem Land erwartungsgemäß vergleichsweise billig).

Das Land kann einem angesichts dieser Bilder wirklich Leid tun. Auch ich wollte schon meine Kamera einpacken und es seinem Schicksal überlassen, unbehelligt von der bösartigen Öffentlichkeit. Aber ich entdeckte etwas, dass mich wieder hoffen ließ. Hoffen, dass es sich für das Land doch noch einmal zum Guten wenden würde. An dem einzigen Fenster, das bisher schon in den Palast eingebaut worden war, spiegelte sich ein Engel. Eine Allegorie, dachte ich, als wollte er, der Engel, sagen: „Weitermachen!“

3 Antworten zu “Ideal und Wirklichkeit”

  1. anne sagte

    Auch von mir: Chapeau (nicht wie Spinnen und auch nicht wie Jan Ullrich … Oder vielleicht doch …)!

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