„…der Krieg ging nun in sein sechsundneunzigstes Jahr“ – Krachts neuer Roman Tag Eins
August 26, 2008
Zuerst der Titel: „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Was soll das eigentlich? Dank der kurzen, begeisterten Vorstellung des Romans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durch Tobias Rüther gab es zumindest einen Anhaltspunkt, der Titel sei „von einem alten englischen Volkslied geborgt“. Mit etwas Recherche („Googeln“) konnte herausgebracht werden, von welchem: Der Titel lautet „Oh, Danny Boy“ und es wurde – laut Wikipedia – im Jahre 1910 von einem englischen Rechtsanwalt namens Frederick Weatherley komponiert. Mit der Neuvertonung zur Melodie von „Londonderry Air“ sei es dann 1913 sehr berühmt geworden. Es ist ein Abschiedslied. Eine weibliche Sprecherin sagt einem jungen Mann Lebewohl – wohl ihrem Geliebten, sicher ist die Beziehung der beiden zueinander aber nicht zu klären. Bei dem Abfassungsjahr 1910 und dem ersten Vers („the pipes are calling“) liegt natürlich nahe, dass hier exemplarisch das Schicksal der irisch-amerikanischen Migration besungen wird. Hier der Text:
Oh Danny boy, the pipes, the pipes are calling
From glen to glen, and down the mountainside
The summer’s gone, and all the roses falling
‘Tis you, ’tis you must go and I must bide.
But come ye back when summer’s in the meadow
Or when the valley’s hushed and white with snow
‘Tis I’ll be here in sunshine or in shadow
Oh Danny boy, oh Danny boy, I love you so.
But if ye come, when all the flowers are dying
If I am dead, as dead I well may be
Ye’ll come and find the place where I am lying
And kneel and say an „Ave“ there for me.
And I shall hear, tho’ soft you tread above me
And o’er my grave will warmer sweeter be
For ye shall bend and tell me that you love me
And I shall sleep in peace until you come to me.
Das Lied ist von vielen Künstlern neu interpretiert worden. Hier mal ein Link zu einer Version von Johnny Cash, die eine kurze Vorgeschichte gleich mitbringt und in ihrer morbiden Kargheit, die beinahe kitschig wirkt, einen perfekten Soundtrack zu Krachts neuem Roman abgeben könnte. Warum genau, dazu gleich noch mehr.
Im Roman herrscht – wie im Lied – Winter. Und wie im Lied wird aller wirklichen Hoffnung bar und also verzweifelt ein Sommer herbeigesehnt, der in der Allgegenwart des Krieges, der die natürlichen Zeitenfolgen mit seiner unendlichen Monotonie überlagert und damit – alle Chronologie außer Kraft setzend -, nie mehr kommen wird. Ein ewig währender Winter: „Die Jahreszeiten verschwanden, es gab kein Auf und Ab mehr, kein bemerkbarer Wechsel, ebenso keine Gezeiten, keine Wogen, keine Mondphasen, der Krieg ging nun in sein sechsundneunzigstes Jahr.“ Wenige Sätze weiter wird das mit einer simplen Feststellung auf den Punkt gebracht: „Es war niemand mehr am Leben, der im Frieden geboren war.“
Von Anfang an ist da wieder Krachts Sprache, diese sehr genau durchkomponierte Sprache, die so unbemüht wirkt und die man auch in seinen anderen Romanen wiederfindet (viele Rezensenten, unterschätzten „Faserland“ diesbezüglich völlig und vermuteten nur Pop-Gelaber). Hier ist es freilich etwas anders, denn einerseits herrscht schweizer Diktion und andererseits ist die Sprache – wie auch die Welt des Romans – am Beginn des 20. Jahrhunderts stehen geblieben. Schon die ersten beiden kurzen Absätzen reichen Kracht völlig aus, um mit nur wenigen Sätzen vollkommen meisterhaft die schauererregende, geradezu unerträglich finstere, karge, kalte Stimmung des Romans (es erinnert wohl nicht von Ungefähr an „1984″) völlig glaubhaft zu evozieren. Und die besagte Diktion scheint die dafür in der deutschen Sprache einzig richtige zu sein. Da ist das „grauwollende Nachthemd“, das Kissen riecht nach „Menschentalg“ und das Bett und der Körper des Protagonisten sind voller Flöhe „und dem anderen Getier“. Da wird „heißer, starker, ungezuckerter Schwarztee“ getrunken und ein „mongoloider Bursche“ legt „Filzstreifen“ um die Waden. Natürlich ist es „klirrend kalt“.
Hier offenbart sich die andere Seite dieses Buches, die andere Seite jeden Buches von Christian Kracht: Der perfide Humor, der diesem morbiden Kitsch innewohnt. Gern erinnert man sich an den Auftritt des Autors bei Harald Schmidt und wie er den ernsthaft ehrfurchtsvollen Moderator mit der Aussage verblüffte, er hätte sich totgelacht beim Schreiben von „1979″, das sei doch alles so wahnsinnig kitschig. Das ist möglicherweise die genialste Beschreibung der Prosa von Kracht überhaupt – Selbstbeschreibung in diesem Fall – sie ist schlichtweg zum „totlachen“. (Hat er das jetzt überhaupt gesagt? Hat er gar nicht. Ich lass das jetzt aber mal stehen, auch wenn es peinlich ist.)
Schnell tauchen dann auch die anderen krachtschen Themen auf: Etwa seine Obsession mit Inszenierungen von Wirklichkeit und Realitätsflucht („Die totale Erinnerung“). Da scheint der Weg zum Bahnhof dem Protagonisten „wie eine Theaterkulisse“, da sieht er die „schwarzen Vögel, die gerade so aufflatterten, als ziehe sie ein unsichtbarer Bühnenmeister durch die Szenerie.“ Und da sind die Drogen, die unter dem gleichen Aspekt von Wirklichkeitsillusion stehen. Da liegen „zerschmetterte Morphiumampullen [...] umher“ und da ist die skurile, karikaturenhafte Figur des deutschen Kokainisten Marschall von Koltsch: „Er ließ sich von seinem Adjutanten einen Koffer veschiedenfarbiger Monokel und Prismen hinterhertragen, die er sich, der Farbton dem Tageslicht entsprechend ausgewählt, vor das Auge band, so sah er die Welt stets durch ein ewig wechselndes, buntes Kaleidoskop.“
Auch die deutsche Literatur – die am Ende von „Faserland“, am Grab von Thomas Mann, noch einmal zu Grabe getragen und damit wieder zum Leben erweckt wird – taucht für einen kurzen Moment darniederliegend, fast schon unkenntlich bruchstückhaft auf: „Die herausgerissenen Seiten eines deutschen Buches lagen unter dem Eis, fast waren einzelne Sätze zu lesen.“ Dieser Roman – da bin ich mir jetzt schon sicher – hat die Kraft das Eis zu zerschlagen (jaja, es ist eine Axt, Kafka und so). Möglicherweise wird es wieder niemand merken und möglicherweise werden die Preise wieder an Juli Zeh und Ingo Schulze gehen. Aber ein Klassiker ist es jetzt schon. Übrigens der zweite in diesem Jahrhundert. Übrigens in diesem Jahrhundert auch der zweite Roman von Christian Kracht.
Ernst Jünger?
Natürlich. Aber der Vergleich war mir zu abgeschmackt, stand auch schon in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heute. Wird auch bald an ganz vielen anderen Orten stehen.