Guten Morgen. Gleich werde ich etwas Ungewöhnliches tun. Erstmal aber Gewöhnliches, wie Haare kämmen (ha!), anziehen (ja, ich habe vor, die Wohnung ungewaschen zu verlassen!), Kontaklinsen reinmachen (hmm, das gruselig-angenehme Gefühl, wenn die Spitzen von Daumen und Zeigefinger den Augapfel berühren), einige Zeit Schuhe schnüren (meine Frau sagt, ich könne das gar nicht, zumindest nicht richtig), Kleingeld zusammenkramen, Treppen abwärtssteigen, rechts abbiegen, bei der Kreuzung Samariter Straße – Rigaer Straße kurz auf den Verkehr achten, über die Rigaer Straße gehen, die Tür zu dem kleinen Zeitungsladen mit der Verkäuferin, die immer eine rote Nase hat, öffenen, „Guten Morgen“ sagen und – jetzt kommt der ungewöhnliche Teil – folgende Bitte äußern: „Ich hätte gerne einmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung, bitte!“

Warum? Das wird man sich fragen. Darum: Nach eigenen Angaben (Klicken lohnt sich, scary pictures!) beginnt die Frankfurter Allgemeine Zeitung heute mit dem Vorabdruck von Christian Krachts neuem Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Darin würden sich die sowjetische Schweiz und das faschistische Deutschland bekriegen. Ich bin gespannt wie eine Flitzebogen.

***

Nachtrag: Bin zurück. Eben noch flog ich beschwingt in den Laden und sagte meinen Satz auf. Dann wollte ich das vorher zusammengekramte Kleingeld rauskramen und: Wusste nicht wieviel die Frankfurter Allgemeine Zeitung kostet. Da die Verkäuferin mit der roten Nase keinerlei Anstalten machte, mir den Preis zu nennen, das scheinbar einzige noch vorrätige Exemplar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (als wäre es nur für mich dort hinterlegt worden) aber in ihren Händen hielt, so dass es für mich unmöglich war, den Preis zu erspähen, musste ich mir die Blöße geben: „Die kostet jetzt wieviel?“ Sie murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte und forderte mich damit – als würde sie den Regeln eines Rituals folgen, dass ich nicht kannte, was mich mit Scham erfüllte – dazu auf, erneut nachzufragen. „Entschuldigung, wieviel kostet die?“ Diesmal verstand ich ihre Antwort und es war niederschmetternd: „Einssiebzig, aber das ist sie auch wert.“ Ich merkte, dass ich errötete. „Was man von vielen anderen Zeitungen nicht unbedingt sagen kann.“ Zum Glück hatte ich nun das Kleingeld in meinen zittrigen Händen zusammengekramt und konnte es ihr in die Handfläche rollen lassen. Nach diesen, ihren – zwar sanftmütig-freundlichen, aber im Ansatz pikierten – Bemerkungen hätte ich auch zehn Euro für die Frankfurte Allgemeine Zeitung bezahlt. Ich fühlte mich ihrer nicht wert. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es schien mir beinahe wie Hohn, dass man die Frankfurter Allgemeine Zeitung – zumal mit dem ersten Teil des Vorabdrucks des neuen Romans von Christian Kracht drin – einfach so erwerben kann. Jetzt erst merkte ich meinen Fehler: Man kann es nicht. Fluchtartig – in meinen feuchten Händen begann die Druckerschwärze zu verlaufen – verließ ich den Laden. Ab heute und für die nächsten Wochen werde ich mich also jeden Morgen dieser Tortur unterziehen müssen. Aber am Ende werde ich Gewißheit haben. Ich werde gelernt haben, wie man richtig – with all due respect – die Frankfurter Allgemeine Zeitung erwirbt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

4 Antworten zu “Frankfurter Allgemeine Zeitung”

  1. anne sagte

    Ich denke über ein Probe-Abo der FAZ nach, um der von Dir so schön beschriebenen Misere zu entgehen. Dazu bekäme ich auch eine Uhr.
    Da ich mir aber selbst treu bleiben muss, werde ich unter Umständen nicht die FAZ, sondern das FAZ-e-paper abonnieren. Das hat nicht nur den Vorteil, dass ich keinen Print erwerben und dann wieder zur Mülltonne tragen muss, sondern vor allem auch den, dass ich die Ausgabe des nächsten Tages schon immer am Vorabend lesen könnte. Selbstverständlich würde ich Dir dann immer alles verraten …

  2. falk sagte

    Ich bitte Dich, dieses eine, letzte Mal noch Print. Es ist auch Kracht und nicht Passig!

  3. anne sagte

    Und ich bin Anne und nicht Falk! Ich würde ja sogar kaufen, aber 20:00 hört sich nach einer so verdammt guten Lesezeit für Kracht an … Und das jeden Tag! Automatisch!

  4. [...] liebe FAZ, ich bin kein Mensch, der Dich gerne erwirbt oder der gerne Tonnen von Print in seiner Wohnung liegen hat. Ich bin noch nichtmal ein Mensch, der [...]

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