In memoriam
September 21, 2008
David Foster Wallace ist tot. Suizid. Gerade erst in der FAS gelesen. Bei McSeeney’s erinnern sich Freunden und Kollegen.
„…der Krieg ging nun in sein sechsundneunzigstes Jahr“ – Krachts neuer Roman Tag Eins
August 26, 2008
Zuerst der Titel: „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Was soll das eigentlich? Dank der kurzen, begeisterten Vorstellung des Romans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durch Tobias Rüther gab es zumindest einen Anhaltspunkt, der Titel sei „von einem alten englischen Volkslied geborgt“. Mit etwas Recherche („Googeln“) konnte herausgebracht werden, von welchem: Der Titel lautet „Oh, Danny Boy“ und es wurde – laut Wikipedia – im Jahre 1910 von einem englischen Rechtsanwalt namens Frederick Weatherley komponiert. Mit der Neuvertonung zur Melodie von „Londonderry Air“ sei es dann 1913 sehr berühmt geworden. Es ist ein Abschiedslied. Eine weibliche Sprecherin sagt einem jungen Mann Lebewohl – wohl ihrem Geliebten, sicher ist die Beziehung der beiden zueinander aber nicht zu klären. Bei dem Abfassungsjahr 1910 und dem ersten Vers („the pipes are calling“) liegt natürlich nahe, dass hier exemplarisch das Schicksal der irisch-amerikanischen Migration besungen wird. Hier der Text:
Oh Danny boy, the pipes, the pipes are calling
From glen to glen, and down the mountainside
The summer’s gone, and all the roses falling
‘Tis you, ’tis you must go and I must bide.
But come ye back when summer’s in the meadow
Or when the valley’s hushed and white with snow
‘Tis I’ll be here in sunshine or in shadow
Oh Danny boy, oh Danny boy, I love you so.
But if ye come, when all the flowers are dying
If I am dead, as dead I well may be
Ye’ll come and find the place where I am lying
And kneel and say an „Ave“ there for me.
And I shall hear, tho’ soft you tread above me
And o’er my grave will warmer sweeter be
For ye shall bend and tell me that you love me
And I shall sleep in peace until you come to me.
Das Lied ist von vielen Künstlern neu interpretiert worden. Hier mal ein Link zu einer Version von Johnny Cash, die eine kurze Vorgeschichte gleich mitbringt und in ihrer morbiden Kargheit, die beinahe kitschig wirkt, einen perfekten Soundtrack zu Krachts neuem Roman abgeben könnte. Warum genau, dazu gleich noch mehr.
Im Roman herrscht – wie im Lied – Winter. Und wie im Lied wird aller wirklichen Hoffnung bar und also verzweifelt ein Sommer herbeigesehnt, der in der Allgegenwart des Krieges, der die natürlichen Zeitenfolgen mit seiner unendlichen Monotonie überlagert und damit – alle Chronologie außer Kraft setzend -, nie mehr kommen wird. Ein ewig währender Winter: „Die Jahreszeiten verschwanden, es gab kein Auf und Ab mehr, kein bemerkbarer Wechsel, ebenso keine Gezeiten, keine Wogen, keine Mondphasen, der Krieg ging nun in sein sechsundneunzigstes Jahr.“ Wenige Sätze weiter wird das mit einer simplen Feststellung auf den Punkt gebracht: „Es war niemand mehr am Leben, der im Frieden geboren war.“
Von Anfang an ist da wieder Krachts Sprache, diese sehr genau durchkomponierte Sprache, die so unbemüht wirkt und die man auch in seinen anderen Romanen wiederfindet (viele Rezensenten, unterschätzten „Faserland“ diesbezüglich völlig und vermuteten nur Pop-Gelaber). Hier ist es freilich etwas anders, denn einerseits herrscht schweizer Diktion und andererseits ist die Sprache – wie auch die Welt des Romans – am Beginn des 20. Jahrhunderts stehen geblieben. Schon die ersten beiden kurzen Absätzen reichen Kracht völlig aus, um mit nur wenigen Sätzen vollkommen meisterhaft die schauererregende, geradezu unerträglich finstere, karge, kalte Stimmung des Romans (es erinnert wohl nicht von Ungefähr an „1984″) völlig glaubhaft zu evozieren. Und die besagte Diktion scheint die dafür in der deutschen Sprache einzig richtige zu sein. Da ist das „grauwollende Nachthemd“, das Kissen riecht nach „Menschentalg“ und das Bett und der Körper des Protagonisten sind voller Flöhe „und dem anderen Getier“. Da wird „heißer, starker, ungezuckerter Schwarztee“ getrunken und ein „mongoloider Bursche“ legt „Filzstreifen“ um die Waden. Natürlich ist es „klirrend kalt“.
Hier offenbart sich die andere Seite dieses Buches, die andere Seite jeden Buches von Christian Kracht: Der perfide Humor, der diesem morbiden Kitsch innewohnt. Gern erinnert man sich an den Auftritt des Autors bei Harald Schmidt und wie er den ernsthaft ehrfurchtsvollen Moderator mit der Aussage verblüffte, er hätte sich totgelacht beim Schreiben von „1979″, das sei doch alles so wahnsinnig kitschig. Das ist möglicherweise die genialste Beschreibung der Prosa von Kracht überhaupt – Selbstbeschreibung in diesem Fall – sie ist schlichtweg zum „totlachen“. (Hat er das jetzt überhaupt gesagt? Hat er gar nicht. Ich lass das jetzt aber mal stehen, auch wenn es peinlich ist.)
Schnell tauchen dann auch die anderen krachtschen Themen auf: Etwa seine Obsession mit Inszenierungen von Wirklichkeit und Realitätsflucht („Die totale Erinnerung“). Da scheint der Weg zum Bahnhof dem Protagonisten „wie eine Theaterkulisse“, da sieht er die „schwarzen Vögel, die gerade so aufflatterten, als ziehe sie ein unsichtbarer Bühnenmeister durch die Szenerie.“ Und da sind die Drogen, die unter dem gleichen Aspekt von Wirklichkeitsillusion stehen. Da liegen „zerschmetterte Morphiumampullen [...] umher“ und da ist die skurile, karikaturenhafte Figur des deutschen Kokainisten Marschall von Koltsch: „Er ließ sich von seinem Adjutanten einen Koffer veschiedenfarbiger Monokel und Prismen hinterhertragen, die er sich, der Farbton dem Tageslicht entsprechend ausgewählt, vor das Auge band, so sah er die Welt stets durch ein ewig wechselndes, buntes Kaleidoskop.“
Auch die deutsche Literatur – die am Ende von „Faserland“, am Grab von Thomas Mann, noch einmal zu Grabe getragen und damit wieder zum Leben erweckt wird – taucht für einen kurzen Moment darniederliegend, fast schon unkenntlich bruchstückhaft auf: „Die herausgerissenen Seiten eines deutschen Buches lagen unter dem Eis, fast waren einzelne Sätze zu lesen.“ Dieser Roman – da bin ich mir jetzt schon sicher – hat die Kraft das Eis zu zerschlagen (jaja, es ist eine Axt, Kafka und so). Möglicherweise wird es wieder niemand merken und möglicherweise werden die Preise wieder an Juli Zeh und Ingo Schulze gehen. Aber ein Klassiker ist es jetzt schon. Übrigens der zweite in diesem Jahrhundert. Übrigens in diesem Jahrhundert auch der zweite Roman von Christian Kracht.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
August 26, 2008
Guten Morgen. Gleich werde ich etwas Ungewöhnliches tun. Erstmal aber Gewöhnliches, wie Haare kämmen (ha!), anziehen (ja, ich habe vor, die Wohnung ungewaschen zu verlassen!), Kontaklinsen reinmachen (hmm, das gruselig-angenehme Gefühl, wenn die Spitzen von Daumen und Zeigefinger den Augapfel berühren), einige Zeit Schuhe schnüren (meine Frau sagt, ich könne das gar nicht, zumindest nicht richtig), Kleingeld zusammenkramen, Treppen abwärtssteigen, rechts abbiegen, bei der Kreuzung Samariter Straße – Rigaer Straße kurz auf den Verkehr achten, über die Rigaer Straße gehen, die Tür zu dem kleinen Zeitungsladen mit der Verkäuferin, die immer eine rote Nase hat, öffenen, „Guten Morgen“ sagen und – jetzt kommt der ungewöhnliche Teil – folgende Bitte äußern: „Ich hätte gerne einmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung, bitte!“
Warum? Das wird man sich fragen. Darum: Nach eigenen Angaben (Klicken lohnt sich, scary pictures!) beginnt die Frankfurter Allgemeine Zeitung heute mit dem Vorabdruck von Christian Krachts neuem Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Darin würden sich die sowjetische Schweiz und das faschistische Deutschland bekriegen. Ich bin gespannt wie eine Flitzebogen.
***
Nachtrag: Bin zurück. Eben noch flog ich beschwingt in den Laden und sagte meinen Satz auf. Dann wollte ich das vorher zusammengekramte Kleingeld rauskramen und: Wusste nicht wieviel die Frankfurter Allgemeine Zeitung kostet. Da die Verkäuferin mit der roten Nase keinerlei Anstalten machte, mir den Preis zu nennen, das scheinbar einzige noch vorrätige Exemplar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (als wäre es nur für mich dort hinterlegt worden) aber in ihren Händen hielt, so dass es für mich unmöglich war, den Preis zu erspähen, musste ich mir die Blöße geben: „Die kostet jetzt wieviel?“ Sie murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte und forderte mich damit – als würde sie den Regeln eines Rituals folgen, dass ich nicht kannte, was mich mit Scham erfüllte – dazu auf, erneut nachzufragen. „Entschuldigung, wieviel kostet die?“ Diesmal verstand ich ihre Antwort und es war niederschmetternd: „Einssiebzig, aber das ist sie auch wert.“ Ich merkte, dass ich errötete. „Was man von vielen anderen Zeitungen nicht unbedingt sagen kann.“ Zum Glück hatte ich nun das Kleingeld in meinen zittrigen Händen zusammengekramt und konnte es ihr in die Handfläche rollen lassen. Nach diesen, ihren – zwar sanftmütig-freundlichen, aber im Ansatz pikierten – Bemerkungen hätte ich auch zehn Euro für die Frankfurte Allgemeine Zeitung bezahlt. Ich fühlte mich ihrer nicht wert. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es schien mir beinahe wie Hohn, dass man die Frankfurter Allgemeine Zeitung – zumal mit dem ersten Teil des Vorabdrucks des neuen Romans von Christian Kracht drin – einfach so erwerben kann. Jetzt erst merkte ich meinen Fehler: Man kann es nicht. Fluchtartig – in meinen feuchten Händen begann die Druckerschwärze zu verlaufen – verließ ich den Laden. Ab heute und für die nächsten Wochen werde ich mich also jeden Morgen dieser Tortur unterziehen müssen. Aber am Ende werde ich Gewißheit haben. Ich werde gelernt haben, wie man richtig – with all due respect – die Frankfurter Allgemeine Zeitung erwirbt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
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Mai 27, 2008
Puh. Die Begleiterin war fleißig. Sie hat bereits das ganze Wochenende vertextet und dies auch noch sehr unterhaltsam. Da stehe ich nun natürlich in der Pflicht. Ich habe mich aber schon im Voraus für eine nicht-chronologische Form des Berichts entschieden, was es vielleicht etwas verkompliziert. Mal sehen. Kommt bald…
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Mai 19, 2008
Pangea Day, Pangea Day, Pangea Day
Mai 10, 2008
Zur Erinnerung. Heute ist der Pangea Day. In Berlin gibt es Public Viewings in einer Bar namens „Kapelle“ am Zionskrichplatz 22-24 und im Gebäude der Bertelsmann-Stiftung, Unter den Linden 1, letztere ist allerdings nicht kostenlos. Man kann das vierstündige Programm aber auch per Stream verfolgen. Um 20:00 Uhr CEST geht es los.